Mythen in der Pflege (2) – Fachkräftemangel!

„Fachkräftemangel!“ – ein beängstigendes Schlagwort.

Was ist gemeint?

„Wir haben in der Pflege zu wenig gut ausgebildete Menschen.“ Je nach Interessenlage wird im Allgemeinen eine Adverbialbestimmung der Zeit hinzugefügt: „jetzt / zurzeit/ derzeit“ bzw. „in 10 /20 / 30 Jahren“.

Was ist dran?

Wie immer so einiges. Ausbildungszahlen steigen zwar in den letzten Jahren wieder, aber nicht rasch genug, um den wachsenden Bedarf an Examinierten zu decken. ( QUELLE 1 – Die Quellen finden sich am Ende des Textes.)

Offene Stellen versus Stellensuchende. (QUELLEN 2 + 3)

Ebenso der Alterungsprozess in der Gesellschaft. Aufgrund der Geburtenraten in Deutschland verschiebt sich das Verhältnis von Pflegebedürftigen zu denen, die pflegen können, in Richtung „Mangel an Fachkräften“.

Ursachen?

„Der Beruf muss attraktiver werden! Dann wird es auch mehr Azubis und somit bald mehr Fachkräfte geben!“

So heißt es immer. Und vor allem wird dabei an schlechte Bezahlung gedacht. Dazu noch Schichtarbeit, ja schwierig in diesem Frauenberuf…

Auch Zeitnot wegen Personalmangel wird durchaus thematisiert – kann man ja nichts machen, es gibt nun mal keine Fachkräfte, ergo Teufelskreis.

Oder nicht?

Zwei Faktoren, die unter „allgemein bekannt“ laufen, werden eher selten in diesem Zusammenhang erwähnt. Dabei sind sie äußerst wichtig und könnten eine weitere Erklärung geben – wenn nicht sogar dieses geflügelte Wort als das entlarven, was es ist: ein MYTHOS eben.

Denn mit genauerer Untersuchung stellt sich auf einmal heraus, dass es viel mehr Fachkräfte gibt bzw gäbe – wenn, ja wenn die Arbeitsbedingungen nicht so wären, wie sie nun einmal sind.

–>psychisch und physisch anstrengende Tätigkeit, dazu die schon angesprochenen Probleme wie Zeitmangel und Schichtarbeit. Hohe Gefahr, auszubrennen. Bleibende körperliche Schäden weit verbreitet.

Hinzu kommt, dass lange nicht alle Auszubildenden ihre Ausbildung zuende bringen. Und dass viele Fachkräfte es nicht lange im Beruf aushalten. Dass ferner dieser Beruf beim besten Willen nicht bis 67 ausgeübt werden kann – nicht am Bett.

„Im Durchschnitt bleiben heutige Berufsanfänger fünf Jahre im Beruf. Dann suchen sie sich was anderes.“

Leider kann ich keine Quelle für diesen Spruch angeben. Er kam von unserem Leiter des Pflegebasiskurses, mit dem ich in die Pflege eingestiegen bin. Pünktlich fünf Jahre später sitze ich zuhause mit jeder Menge freier Zeit und betreibe Ursachenforschung.

Faktor 1) Verweildauer in der Pflege –> Studien hierzu lassen sich kaum finden. Bekannt ist die NEXT-Studie, die jedoch nicht die Verweildauer, sondern vielmehr die Absicht, weiter im Beruf zu bleiben, untersucht. ( QUELLE 4)

Faktor 2) Ausbildungsbedingungen, die zu einer hohen Abbruchquote führen

Studien zur Verweildauer in der Pflege gibt es erstaunlich wenige.

Offenbar wird dieses wichtige Thema auf ganzer Front verdrängt. Denn wem würde es nützten, endlich einmal konkrete Zahlen zu haben, mit denen das Märchen vom Fachkräftemangel widerlegt werden kann?

Bleibt nur das Spekulieren.

Wer im Internet sucht, der findet Berichte. Von Azubis, denen im Betrieb die Hölle heiß gemacht wird, weil sie sich nicht um ihre „Aufgaben“ wie Kaffee kochen gekümmert haben. Denen keinerlei Einarbeitung zuteil wird und keine fachliche Anleitung. Die als volle Kräfte ausgenutzt werden, mit denen Schindluder getrieben wird, was den Dienstplan angeht, die sich trotzdem durchbeißen und die als Dank am Ende eine schlechte Beurteilung bekommen. (QUELLEN 5, 6, 7.)

Weiterhin Berichte von Pflegekräften, die nach jahrelangem selbstlosem Einsatz völlig kaputt sind, körperlich wie auch psychisch, und die keinen Ausweg mehr sehen, nur die Flucht aus dem Beruf – obwohl sie ihn in vielen Fällen dennoch lieben. (Quellen 8, 9, 10)

Fazit

Man muss sich nur umhören, dann findet man Fachkräfte. Vielleicht würden sie nicht ausreichen, die vorhandenen (oder auch zukünftigen) Defizite zu beseitigen. Aber es wären mehr, als es zurzeit sind. Wesentlich mehr.

Man findet sie nur nicht da, wo man sie vermutet. Sondern zuhause, oder an einer Hochschule, oder in einem Büro, oder vielleicht auch im Supermarkt hinter der Kasse.

Nun, also warum sucht man sie nicht und probiert, sie mit besseren Bedingungen in den Beruf zurückzulocken?

Rechnung: Was ist billiger – wenn ich immer wieder einen defekten Staubsauger neu kaufe, oder wenn ich mir einen teuren kaufe, der dann viele Jahrzehnte hält?

Für mich ist die letzte Variante insgesamt billiger.

Für den Konzern, der den Staubsauger herstellt jedoch…

Wem dieses Beispiel  zu schräg ist, der denke sich ein eigenes aus.

Fakt ist, die Leute werden verheizt. Einige verdienen sich daran dumm und dämlich. Und das sind nicht die (ehemaligen) Kollegen am Bett.

————–

QUELLEN:

(Thema Nachwuchsprobleme, mehr offene Stellen als Stellensuchende: )

1 QUELLE Ausbildungszahlen steigen, jedoch nicht genügend.

2 QUELLE  (Statistik der Arbeitsagentur) z.B. S. 15: „Bei dem in Abbildung 7 dargestellten Beruf der Altenpfleger zeigt sich, dass der Bestand an Arbeitslosen kleiner als der Bestand an Arbeitsstellen ist.“

3 QUELLE (Zeitungsmeldung Kölner Stadtanzeiger, März 2015)

4 QUELLE (NEXT-Studie, das heißt Nurses early Exit, also vorzeitiger Berufsausstieg, von 2005)

(Thema Ausbildungsbedingungen: )

5 Krasses Beispiel: emergencymom,

6 siehe auch ein älterer Zeitungsartikel, via facebook (beachte Begleittext und Kommentare)

7 siehe auch Pflegewecker: „Wenn Pflegeschüler kapitulieren“

(Thema Arbeitsbedingungen: )

8 Pflege wandert aus –> siehe „Burnout“: „Ein knappes Drittel der deutschen Pflegekräfte fühlt sich emotional erschöpft. (…) Nur in England sind es noch mehr.“

9 Studie (2012): –>“So bewerteten über die Hälfte der deutschen Pflegekräfte ihre Arbeitsumgebung als schlecht oder mäßig, 37 Prozent sind mit ihrer Arbeitssituation unzufrieden und 30 Prozent leiden unter emotionaler Erschöpfung. Gegenüber einer ähnlich angelegten Befragung von 1999 haben sich die Zahlen damit verdoppelt“

10 Welt-Bericht von 2011 –> „Laut einer vor wenigen Tagen veröffentlichten Studie der Techniker Krankenkasse (TK) fielen Altenpfleger im Schnitt 18,9 Tage krankheitsbedingt im Job aus, während es durchschnittlich bei allen Versicherten nur 12,3 Tage waren. (…) Das Problem ist, dass es durch die starken körperlichen Belastungen – und dazu den psychischen Stress durch den Schichtdienst und die oft anstrengenden Bewohner – kaum ein Altenpfleger schafft, bis zum Rentenalter durchzuhalten.

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3 Gedanken zu “Mythen in der Pflege (2) – Fachkräftemangel!

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